KONZEPT

Die Geschichtlichkeit des Menschen drückt sich in der ihm eigenen Fähigkeit aus, die Geschichte zu objektivieren. .. Eine solche Fähigkeit besitzen die einzelnen menschlichen Familien wie auch die menschlichen Gesellschaften und insbesondere die Nationen. Diese sind - ebenso wie die einzelnen Individuen - mit einem geschichtlichen Gedächtnis begabt. Darum ist es verständlich, dass die Nationen sich bemühen, ihre Erinnerungen schriftlich zu fixieren. .. Und die objektivierte und schriftlich fixierte Geschichte der jeweiligen Nationen ist eines der wesentlichen Elemente der Kultur - das Element, das die Identität der Nation in den Dimensionen der Zeit bestimmt.

Johannes Paul II., Erinnerung und Identität.
Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden

Wann immer sich deutsche und polnische Regierungspolitiker treffen, versichern sie einander - und der Öffentlichkeit -, dass das Verhältnis zwischen beiden Ländern ausgezeichnet sei. Das klingt nach Beschwörung, denn in Wirklichkeit steht es schlechter um Deutsche und Polen. Dabei ist es keine Verstimmung zwischen Regierungen, die die Beziehungen belastet, auch wenn Berlin und Warschau in manchen Angelegenheiten unterschiedlicher Auffassungen sind (z.B. in Bezug auf die Ostseepipeline oder das Zentrum gegen Vertreibungen). Gegeneinander stehen vielmehr private, öffentliche wie veröffentlichte Meinungen - und immer geht es dabei um die Erinnerung an die jüngere Vergangenheit, dreht sich die Debatte um die Frage, ob die Deutschen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu schreiben wollen, damit unkenntlich werde, wer Täter und wer Opfer gewesen sei.

(Wie) Wird es angesichts dieser Lage möglich sein, dass Deutsche und Polen historische Gedenktage nicht nur zeitlich parallel, sondern wirklich gemeinsam begehen? Werden sich die durch unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungen so verschieden geprägten historischen Identitäten nicht immer wieder trennend zwischen Polen und Deutsche stellen, ganz gleich wie die Konstellationen zwischen Gastgebern und Gästen auch beschaffen sein mögen? Oder - mit Johannes Paul II. - gefragt: "Wo liegt die Wasserscheide zwischen Generationen, die nicht genug bezahlt haben, und Generationen, die zu viel bezahlt haben? Wir, auf welcher Seite stehen wir?"

Nach zwei Jahren enger Nachbarschaft innerhalb der Europäischen Union und mehr als 60 Jahre nach Kriegsende unternimmt das Deutsch-Polnische Doktorandenkolloquium den Versuch, national ausgesprochen unterschiedlich geprägte Memorialkulturen mit gemeinsamen Konzeptionen christlicher Identität ins Gespräch zu bringen. Welche Unterschiede – welche Gemeinsamkeiten sind dabei zu erkennen? Welche identitätsstiftenden Kräfte wirken bis heute in der kollektiven Erinnerungsbildung? Durch Vorträge, Workshops und Gespräche mit Vertretern aus Wissenschaft, Bildungsarbeit, Kirche und Gesellschaft sowie einem Studientag in der Staatlichen Gedenkstätte Majdanek wollen wir diesen Fragen nachgehen.

Ort des Kolloquiums ist Lublin, die größte polnische Stadt östlich der Weichsel, rund 150 km südöstlich von Warschau gelegen. Im 12. Jahrhundert gegründet, kreuzten sich in Lublin die Handelswege zwischen Zentralpolen und Lemberg, so dass die Stadt bereits früh zum Treffpunkt verschiedener Kulturen, Religionen und Nationen wurde. 1569 wurde hier die "Lubliner Union" besiegelt, der Zusammenschluss Polens und Litauens zum mächtigsten Staat Ostmitteleuropas. Nachdem sich 1316 die ersten Juden in Lublin niedergelassen hatten, entwickelte sich Lublin - bis zur Shoah - zu einem der bedeutendsten Zentren jüdischer Kultur in Europa und wurde wegen seiner berühmten Talmudschule "jüdisches Oxford", als Zentrum des Chassidismus auch "polnisches Jerusalem" genannt. Im südlichen Stadtteil Majdanek befand sich während des Zweiten Weltkriegs das nach Auschwitz größte nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager in Europa.

nach oben